Dienstag, 19. Januar 2016

Zwischenstand und Gedankenpups


12.11.2015

Erinnerst du dich? Ich hatte dieses mehr oder weniger lustige Zusammentreffen mit einem Dorfpolizisten, der mich am Ende nach Tanga geschickt hat. Als ich meine Sachen in Lushoto packte, war ich mir sicher, nicht viel länger als eine Woche bleiben zu müssen.

Nun bin ich schon seit über einem Monat hier, doch so langsam geht es voran. Anfangs war mein Gemüt jedoch nicht so sonnig gestimmt, wie das Wetter hier in Tanga. Ich habe nämlich die Information aus dem Kolping-Büro bekommen, dass ich tatsächlich illegal arbeite, solange ich nur ein Touristenvisum habe. Es sei aber in Ordnung, wenn ich mein Working Permit/Visum bereits beantragt habe. Die Bescheinigung, die ich hätte bekommen sollen, habe ich nie gesehen, wahrscheinlich, weil sie, bis sie mein übersetztes Zeugnis haben, mein Visum nicht bearbeiteten. Vor zwei Wochen konnte ich endlich auch das langersehnte Zeugnis einreichen und jetzt sollte es nicht mehr lange dauern.

Diesen Monat habe ich also mit Carlota im TAYODEA-Büro verbracht. Sie darf jetzt leider auch nicht arbeiten. Die Angst vor weiteren Visa-Komplikationen ist zu groß, vor allem, da die Wahlen anstanden, und dann auf die „Mzungus“ (wörtlich „Herumirrende“, oft auch als „Europäer“ übersetzt, so wird aber grundsätzlich jeder „von außen Kommende“ angesprochen, welcher durch seine Hautfarbe auffällt) natürlich besonders geachtet wird. Wir sind also von 8 Uhr morgens 9 Stunden im Office und machen… eigentlich nichts. Wir nennen uns „Receptionists“, die Radio hören, sich unterhalten, Kiswahili lernen, Besucher mit einem freudigen „Karibu“ (z.dt. willkommen) begrüßen, schlafen und ein bisschen mehr Geld in mobiles Internet investieren, als es vielleicht gut ist. Um fünf ist unsere Schicht dann vorbei und meistens fahren wir in die Stadt, an den Strand oder besuchen uns gegenseitig zuhause.

In meinem mittlerweile zweiten Zuhause in Tanga werde ich liebevoll von Davids Frau Anett und der großen Schwester meines einen Gastbruders, Monica, versorgt und sein 7-jährigen Sohn Baraka hält mich ordentlich auf Trap. Ich habe ihn echt ins Herz geschlossen und er ist für mich wie ein kleiner Bruder. Aber am liebsten würde er jeden Tag „Rapunzel - neu verföhnt“ gucken, unendlich viele Fotos knipsen oder mit mir rumalbern. Da habe ich gemerkt, wie ich wahrscheinlich für meine Brüder gewesen war, denn ich war sicher genauso schlimm. Tut mir leid, Jungs…  

Während es in Deutschland jetzt immer kälter wird, wird es hier unerträglich heiß. Schon morgens um halb 8, wenn ich mich langsam auf den Weg zum Office mache, sind es fast 30 Grad. Da vermisse ich dann auch hin und wieder meine schönen, kalten Berge. Trotzdem kann ich es nicht verschweigen, dass ich es genieße, ständigen Kontakt zu Familie und Freunden zu haben, Carlota immer da zu haben, nicht überall zu Fuß hingehen zu müssen, sondern ein Dalladalla für 400 TSH (~20 Cent) nehmen zu können, oder einfach zum Shop neben an zu gehen, um ein Eis oder ein paar Kekse zu kaufen. Ich fühle mich hier sehr wohl.
Doch für ein ganzes Jahr wäre ich damit nicht zufrieden. Basierend auf meinen vorherigen Berichten könnte man meinen, mir gefällt es in den Bergen nicht. Doch das stimmt nicht! Ich würde Lushoto - eigentlich ja Misalai - jederzeit Tanga vorziehen, und das nicht nur, wegen des Wetters. Eine Freundin schrieb mir in meiner ersten Woche voller Ironie: „Oha, in den Bergen… das ist ja ein leichter Wechsel nach Hamburg.“ Ja, es ist nicht einfach. Und es gibt viele Dinge, an die ich mich noch immer gewöhnen muss. Doch um am Ende der Mensch zu sein, der ich sein möchte, wenn ich wieder nach Deutschland komme, ist Misalai mit meiner tollen Gastfamilie inklusive Ziege und Schaf, meinem niedlichen, gemütlichen Zuhause mit dem Blick über schöne Berglandschaft, super freundlichen Menschen in der Nachbarschaft und der gelassenen Lebenseinstellung genau der richtige Ort! Natürlich sind fließendes Wasser und Elektrizität in Lushoto Grundbedürfnisse, die überwiegend kaum bedient werden können, das Leben aber gemütlicher machen würden - und da bin ich, als kleines, ausländisches, unqualifiziertes Mädchen, machtlos. Doch hier kann ich lernen und herausfinden, was man wirklich zum Leben braucht und wie glücklich man sich auch ohne die Dinge schätzen kann,die man in Deutschland als unumgänglich empfindet, um dann nach meinem Jahr darauf aufmerksam machen zu können.

Zurück zum Visum: Wie gesagt, hat das Warten hoffentlich bald ein Ende und dann sind die Aussichten gar nicht mal so schlecht. Ich habe schon sehr früh mit David über mein Arbeitsproblem geredet und ihn gefragt, ob er noch andere Projekte hat. Er sagte, er sei bis zu den Wahlen (Ende Oktober) sehr beschäftigt, und danach hat er was für mich: Er möchte mich in den umliegenden Secundary Schools in Soni, Mbelei und Baga vorstellen. Dort soll ich Debating Classes leiten, in denen ich mit den Jugendlichen über aktuelle Themen, wie Demokratie, Umweltschutz oder ähnliches diskutieren soll. Ich empfinde das schon irgendwo als Herausforderung, da Sprache und Material nach wie vor ein Problem darstellen, doch bin ich optimistisch und freue mich schon sehr darauf.
Im Youth Center soll’s auch bald endlich weiter gehen. Es sind Computer und ein Fernseher in Planung, sobald das Stromproblem gelöst ist, und dann kommen bestimmt auch mal Jugendliche vorbei, die ich eventuell mobilisieren kann, meine Ideen in die Tat umzusetzen.

Ansonsten heißt es morgen wieder: 9 Stunden Office…

Seid nett zu anderen!
Badaaye, Lynn

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